Die Erfahrungen von Sabine Heidmann

Portrait Sabine Heidmann ist 43 Jahre alt und arbeitet als Naturwissenschaftlerin. Sie ist geschieden und lebt derzeit allein. Mit etwa 13 Jahren rutschte sie nach und nach in eine Essstörung. Sie wurde stationär behandelt und machte dabei auch Erfahrungen mit Zwangsernährung. Inzwischen sieht sie ihre Essstörung als überwunden an.

Sabine Heidmann erzählt, dass Essen in ihrer Kindheit nie ein Problem war. In der Pubertät begann sie, ihr Essen einzuschränken. Sie beschreibt einen schleichenden Prozess, in dem sie immer weniger aß und immer tiefer in die Krankheit rutschte. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr essen konnte, selbst wenn sie gewollt hätte. Im Nachhinein hat Sabine Heidmann den Eindruck, dass sie damals über das Essen andere Bereiche in ihrem Leben steuern wollte, wie beispielsweise ihr schwieriges Elternhaus. Für sie spielt es auch eine Rolle, dass ihr Vater sich einen Sohn gewünscht hätte und sie immer mit ihrer Weiblichkeit haderte.

Schließlich war Sabine Heidmann so abgemagert, dass ihre Mutter sie zur Notaufnahme der Kinderklinik brachte, wo man sie dabehielt und sie Zwangsernährung bekam, was für sie eine schlimme Erfahrung war. Sie erzählt, dass sie zwar zunahm, sich nach ihrer Entlassung aber nichts geändert hatte. Es folgten weitere Klinikaufenthalte und ambulante Therapien, bis sie als hoffnungsloser Fall galt. Während der Klinikaufenthalte fühlte Sabine Heidmann sich nicht angemessen über Behandlungsschritte aufgeklärt. Sie hatte den Eindruck, von einer Einrichtung zur nächsten und von einem Ansprechpartner zum nächsten weitergereicht zu werden.

Ihre Mutter schaffte es schließlich, für Sabine Heidmann einen weiteren Aufenthalt in einer Reha-Klinik zu organisieren, von dem sie erstmals richtig profitierte. Dort gab es feste Zeiten zum Essen, aber keine Zwangsernährung und auch keine Verpflichtung zum Essen. Sabine Heidmann denkt inzwischen, dass vor allem die Eigenverantwortung ihr sehr geholfen hat. Für sie war es außerdem wichtig, dort endlich über einen längeren Zeitraum eine konstante Bezugsperson zu haben, der sie sich nach einiger Zeit öffnen konnte. Regelmäßiger Sport und Bewegungstherapie halfen ihr, wieder ein gutes Körpergefühl zu entwickeln.

Schließlich fand Sabine Heidmann auch eine ambulante Psychotherapeutin, die ihr Sicherheit und Stabilität gab. Sie kam in eine Jugendgruppe, in der sie sich gut aufgehoben fühlte. Sie erzählt, dass sie Vertrauen in sich selbst bekam. Ihr Gewicht stabilisierte sich, sie hatte wieder Zukunftspläne und den Willen, diese auch umzusetzen.

Manchmal bedauert Sabine Heidmann, dass sie aufgrund der Krankheit im Grunde ihre Jugend verpasste. Dafür sieht sie, dass sie ganz andere wichtige Erfahrungen machen und Kompetenzen (wie z.B. das Durchsetzungsvermögen, ihren eigenen Weg zu gehen) erlernen konnte, die sie prägten und die Person ausmachen, die sie heute ist. Inzwischen ist die Essstörung für Sabine Heidmann seit vielen Jahren überwunden.

Das Interview wurde im Frühjahr 2016 geführt.

 

Alle Interviewausschnitte von Sabine Heidmann

Sabine Heidmann möchte Mut machen, an die eigene Einzigartigkeit und Power zu glauben.

Sabine Heidmann empfiehlt, die Betroffenen je nach Krankheitsstadium und Einsicht unterschiedlich anzusprechen: Von Unterstützung anbieten bis hin zum Konfrontieren.

Der damalige Arzt von Sabine Heidmann meinte, das ist halt die Pubertät.

Sabine Heidmann gab es Sicherheit, dass die Therapeutin mit ihr den ganzen Weg der Therapie ging, obwohl es Konfrontationen gab.

Sabine Heidmann hat in der Klinik für die Schule gelernt, gestickt, und durfte auch bei den Schwestern helfen.

Sabine Heidmann hatte keine Kraft mehr, um Sport zu machen.

Sabine Heidmann war in einer Jugendgruppe, in der ihr Dünnsein kein Problem war.

Sabine Heidmann erzählt, dass sie vieles in ihrer Jugendzeit verpasst hat.

Sabine Heidmann erkannte irgendwann, dass sie mit der Essstörung so nicht weitermachen wollte, sondern noch Ziele im Leben hatte.

Sabine Heidmann denkt, dass der Beginn ihrer Essstörung auch damit zusammenhing, dass sie mit ihrer Weiblichkeit haderte.

Sabine Heidmann merkte, dass ihre Klamotten nicht mehr passten, aber sie konnte nicht mehr normal essen.

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